03. 11. 2016

Tabletop Simulator

Tabletop Simulator

Heute möchte ich ein gutes Wort für einen Steam Titel einlegen, der wahrscheinlich von vielen unterschätzt wird: Der Tabletop Simulator. Wer wie ich zuerst durch chaotische Videos den Eindruck gewonnen hat, dass man damit vor allem Spielfiguren durch die Gegend wirft, hält ihn leicht für eine alberne Physikspielerei ohne ernsthaften Hintergrund. Dass man damit ein richtiges Brettspiel, geschweige denn ein komplexes solches, spielen könnte, und dabei den gleichen Spaß hat wie an einem realen Tisch, hätte ich nicht für möglich gehalten. Vor einer Weile riskierten wir allerdings den Selbstversuch und kauften uns zusammen mit einer Hand voll Freunden den Tabletop Simulator während eines Steam Sales. Für uns lohnt sich das, weil die meisten dieser Freunde weit entfernt wohnen, und wir uns nur wenige Male im Jahr treffen können. Da bei diesen Gelegenheiten Brettspiele eine beliebte Beschäftigung sind, lag es nahe, uns auch den Rest des Jahres über die Gelegenheit zu verschaffen, uns um Siegpunkte zu kloppen. Man braucht ja nur Steam und ein Headset (das am besten weniger rauschen sollte als meines, aber das ist ein anderes Thema).

Tabletop Simulator: Pandemic

Gemeinsam die Welt retten in „Pandemie“. Mit Pizza.

Der Tabletop Simulator kommt mit einem kleinen Tutorial zur Steuerung und einer Vorauswahl klassischer Spiele daher, aber wirklich spannend wird es erst im Workshop. Das ist der Part, der in Trailern wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen nicht richtig gezeigt wird, der aber das Herzstück des Ganzen ist. Hier haben Fans nämlich in liebevoller Arbeit alles mögliche nachgebaut, von Cluedo über Die Siedler von Catan und Carcassonne bis zu Cards against Humanity. Solange die Spielentwickler nicht dagegen vorgehen, findet man zu den meisten modernen oder nostalgisch verklärten Lieblingsspielen mindestens eine kostenlose Version im Workshop. Mit etwas Glück sogar in verschiedenen Sprachen oder mit sogenannten Scripts, die Spielmechaniken automatisieren. In der Regel spielt sich der Tabletop Simulator aber ganz bewusst wie eine echte Brettspielrunde: Man muss selber Hand anlegen. Der Würfel will gerollt und die Spielfigur aufs nächste Feld gesetzt werden. Auf die Einhaltung der Regeln müssen die Mitspieler selber ein Auge haben. Für einfache, wiederkehrende Aktionen wie „Karte vom Stapel auf die Hand nehmen“ oder „Karte umdrehen“ gibt es zwar zugewiesene Tasten, aber das Spielgefühl ähnelt dem in der Realität trotzdem sehr. Das unterscheidet dann auch eine Runde Dominion im Tabletop Simulator stark von einer Runde Dominion als typische Online–Variante. Die Brett- und Kartenspiele bleiben Brett- und Kartenspiele, anstatt sie mit Videospiel-Versatzstücken anzureichern. Wie gesagt – es gibt Ausnahmen. Manche haben solchen Spaß am Scripten, dass sie komplette Rennspiele im Tabletop Simulator umsetzen. Aber für mich sind es gerade die Spielklassiker, die ich selber im Regal stehen habe, die mit ihrer 1 zu 1 Umsetzung den größten Reiz entfalten. Eben weil ich ansonsten virtuell nie so nahe an das Gefühl herankomme, mit anderen um einen Tisch zu sitzen, und im Zweifelsfall selber die Regeln bestimmen zu können. Man kann sogar einen mp3 Player ins Spiel laden oder gelangweilt herumkritzeln, wenn der Gegner zu lange für seinen Zug braucht. Oder für die wichtigsten Spielregeln Notizen einblenden. Oder den Table flippen. Aber das empfehle ich nur bedingt.

Wir haben unsere ersten Runden mit einfachen Kartenspielen wie Anno Domini begonnen, um ein Gefühl für die Steuerung zu bekommen. Das würde ich so auch jedem Neuling empfehlen. Aber ziemlich schnell landeten wir bei komplexen Vertretern wie Doom: The Boardgame, bei denen mehrere Figuren und ein Haufen Marker auf dem selbst zusammengebauten Spielplan Platz finden müssen. Die Grafik mag auf Screenshots niemanden vom Hocker reißen, aber im Spiel mache ich mir darüber keine Gedanken. Und es liegt natürlich am Ersteller, mit wie viel Sorgfalt die Scans aufbereitet wurden und ob es z.B. extra angefertigte 3D-Figuren gibt. Da gibt es durchaus Qualitätsunterschiede, aber Dank Workshop Bewertungen kann man die gröbsten Verfehlungen ganz gut umgehen. Die meisten, die ein Spiel erstellen, geben sich schon Mühe. Nach mehreren angetesteten Titeln in unterschiedlich großen Runden und 100 Stunden Spielzeit kann ich jedenfalls ein positives Fazit ziehen.

Tabletop Simulator: DOOM

„DOOM: The Boardgame“, das Äquivalent zu Dark Souls, was die geforderte Frustresistenz angeht.

Der größte Vorteil am Tabletop Simulator ist für mich neben dem Spiel mit weit entfernt wohnenden Freunden die Übersichtlichkeit. Dass ich Karten auf der anderen Seite des Tisches nicht lesen kann, gehört endlich der Vergangenheit an, denn mit ALT (für mich die wichtigste Taste im gesamten Spiel) kann man sich einzelne Spielkomponenten schnell heranzoomen. Außerdem ist es eine Wohltat, nie wieder hinterher aufräumen zu müssen. Wenn man keinen Bock hat, die Spielsteine in die dafür vorgesehenen Säckchen zurück zu legen, schmeißt man sie einfach auf einen Haufen oder löscht sie gleich direkt. Beim nächsten Spiel kann man schließlich das sauber aufgebaute Brett einfach neu laden. Auch das Fortsetzen einer angefangenen Runde ist durch die Speicherfunktion kein Problem und erspart einem, dass eine nicht zu Ende gespielte Runde vor sich hinstaubend den Tisch blockiert. Zu guter Letzt wäre da natürlich noch die Geldersparnis. Ich für meinen Teil spiele zwar zu 99% Spiele, die ich selber im Regal stehen habe, aber es gibt schließlich auch solche, die out of print und deshalb kaum noch zu bekommen sind. Im Tabletop Simulator kann man außerdem Spiele unverbindlich antesten, bevor man sie kauft. Die meisten Hersteller scheinen keine direkte Konkurrenz darin zu sehen. Ich erinnere mich an ein Interview, indem ein Spieledesigner meinte, dass Brettspiele mehr von der Werbung durch den Tabletop Simulator profitieren, als dass sie potentielle Spieler dadurch verlieren würden. Denn anders als bei Videospielen hätten Brettspiele das große Problem, dass es wenige Möglichkeiten des Probespielens gibt, sie aber ohne Probespielen nur schwer greifbar sind. Und da Brettspieler sich immer noch stärker zur physischen Version hingezogen fühlen als Videospieler, kaufen sie durchaus ein Spiel, dass sie zuerst virtuell angtetestet haben. Vielleicht ist das der Grund, warum die meisten von Fans kopierten Spiele im Steam Workshop bleiben dürfen. Es gibt aber auch die Möglichkeit für Verlage, ihre Spiele offiziel über den Tabletop Simulator zu verkaufen.

Der Tabletop Simulator bringt natürlich auch Nachteile mit sich, denn er ist nicht für alle Arten von Spielen geeignet. Da man nur per Mikrofon zu hören ist, fallen Partyspiele wie Activity logischerweise flach, und man sollte an den Delay denken, wenn es ums gleichzeitige Reinrufen geht. Außerdem wird es kritisch, sobald die Physik-Engine zu sehr beansprucht wird. Sie reicht für akrobatische Würfelwürfe aus, aber Das verrückte Labyrinth  (ja, das hat tatsächlich jemand nachgebaut) empfand ich als unspielbar. Da haben sich sogar zu meinen grobmotorischsten Zeiten weniger Kärtchen übereinander geschoben. Auch „Jenga“ sollte man vielleicht lieber in der echten Welt belassen, so sehr der Aufbau auch jedesmal nerven mag. Und das Zusammenpuzzlen der Doom Maps ist ziemlich frickelig, so dass wir es lieber vor dem Beginn der eigentlichen Runde erledigt haben.

Tabletop Simulator: D&D

Auch klassisches Pen & Paper ist kein Problem, und in der Tischmitte kann man sogar mit Miniaturen die Welt aufbauen.

Von diesen speziellen Ausnahmen abgesehen, konnte ich nur positive Erfahrungen sammeln. Agricola und Pandemie gehören zu meinen  Lieblingsspielen und machen tatsächlich nahezu genau so viel Spaß im Tabletop Simulator wie in echt! Ansonsten haben wir noch Lost Cities, Grabräuber aus dem All , StarQuest, Illuminati und wie bereits erwähnt Anno Domini und Doom: The Boardgame ausprobiert, die alle super funktioniert haben. Aktuell haben wir sogar zu siebt eine Dungeons & Dragons Runde laufen, was ansonsten niemals funktioniert hätte. Ich spiele allerdings ausschließlich mit Leuten, die ich kenne. In öffentliche Spiele habe ich mich bisher nicht eingeklinkt und kann deshalb nichts dazu sagen, wie hoch die Deppenquote ist. Als Spielleiter hat man wenigstens die Möglichkeit, versehentliche oder absichtliche Verwüstungen rückgängig zu machen. Was ich außerdem noch nicht ausprobiert habe, sind selbsterfundene Spiele aus der Community. Da verbergen sich bestimmt einige interessante Perlen, aber bisher haben wir nur auf Spiele zurückgegriffen, von denen mindestens einer von uns die Regeln schon kannte.

Ich verlinke zum Abschluss noch ein paar persönliche Empfehlungen aus meinem Spieleregal für alle, die jetzt ebenfalls Blut geleckt haben und dieser chaotisch aussehenden Merkwürdigkeit eine Chance geben möchten. Man kann damit vollwertige Spieleabende abhalten und eine Menge Spaß haben, ich habe den Kauf keine Sekunde bereut. Die Kombination aus einem Simulator, der einem eine Menge Möglichkeiten gibt, und dem Fleiß der Community sorgt für einen endlosen Nachschub genialer Spiele.

  • Agricola (2-5 Spieler, am besten mit 3-4 Spielern, Brettspiel, Strategie & Worker Placement auf einer mittelalterlichen Farm, ca. 30 min Spielzeit pro Mitspieler, deutsch, komplex, trotzdem gut lernbar, Spiel des Jahres Sonderpreis Komplexes Spiel, eines meiner Lieblingsspiele)
  • Anno Domini (2-6 Spieler, Kartenspiel, deutsch, Jahreszahlen schätzen und bluffen, einfache Regeln, variable Spielzeit, 3 deutsche Editionen)
  • Castle Panic (2 – 6 Spieler, Brettspiel, im Grunde Tower Defense, einfache Regeln, coop, noch nicht im TS gespielt)
  • Chrononauts (2 – 6 Spieler, Kartenspiel, chaotisches Zeitreisen, witzige Karten, noch nicht im TS gespielt)
  • Das Ältere Zeichen (2-5 Spieler, komplexes Würfelspiel im HO Lovecraft Universum, coop, lang, noch nicht im TS gespielt)
  • Dominion (2-4 Spieler, Kartenspiel, Deck Building, viele Erweiterungen, Spiel des Jahres, noch nicht im TS gespielt)
  • Doom: The Boardgame (3 – 4 Spieler, wechselnde Maps mit Missionen, erforschen und kämpfen, coop gegen Dungeon Master, komplex, sehr lang, kackschwer, eines meiner Lieblingsspiele)
  • Flash Point (2 – 6 Spieler, Brettspiel, coop, Feuerwehreinsatz im Stil von Pandemie, noch nicht im TS gespielt, gibt es auch scripted)
  • Grabräuber aus dem All (2 – 6 Spieler, Kartenspiel, man baut sich einen Trashfilm und greift den Film des Gegners an, witzige Karten, von Sven eingescannt, inklusive Erweiterungen)
  • Illuminati (3-6 Spieler, ideal mit 4 Spielern, Kartenspiel, lang, leider verschwurbelte Anleitung, man baut ein Netzwerk aus Geheimorganisationen und Verschwörungstheorien auf, witzige Karten)
  • Kill Doctor Lucky (3 – 6 Spieler, Brettspiel, noch nicht im TS gespielt)
  • Lost Cities (2 Spieler, Kartenspiel, kurz, einfache Regeln)
  • Pandemie (2-4 Spieler, Brettspiel, coop, gemeinsam eine Suche besiegen, eines meiner Lieblingsspiele)
  • Race for the Galaxy (2-4 Spieler, Kartenspiel, Sci-Fi Thematik, noch nicht im TS gespielt)
  • Robinson Crusoe (2-4 Spieler, coop, lang, komplex, Planan und Überleben verschiedener Missionen, eines meiner Lieblingsspiele, deutsch, noch nicht im TS gespielt)
  • Zooloretto (3 – 4 Spieler, Familienspiel mit Tieren, nett für zwischendurch, Spiel des Jahres, noch nicht im TS gespielt)

P.S. Falls ihr die Regeln nicht kennt, solltte ihr vorher am besten nach einem PDF googlen. Sie sind nicht immer dabei.

P.P.S. Ausgerechnet jetzt ist der Steam Workshop down, deshalb ergänze ich die noch fehlenden Links etwas später.

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