22. 02. 2017

Black Mirror

Wie jeder in den 90ern aufgewachsene Durchschnittsmensch war ich ein treuer (naja, bis Staffel 6 treuer) X-Phile. Und was lief im Rahmen von Pro 7 Mystery häufig nach Akte X, um uns direkt an ein ähnlich gelagertes Format zu binden? The Outer Limits, yeah! Sind sie bereit? Bereit für das Unbekannte? Diese seltsame Serie, in der Woche für Woche eine in sich abgeschlossene, übernatürliche Geschichte erzählt wurde. Science Fiction traf dabei auf Horror und am Ende stand gerne noch eine appetitlich verpackte Moral über menschliche Abgründe und dergleichen. Die war mir aber damals ziemlich schnuppe, ich wollte mich vor allem vor Monstern gruseln. Erinnert ihr euch noch an den Teddy unterm Bett? Heilige Scheiße, hatte ich Angst! Damals wusste ich noch nicht, dass es Jahrzehnte zuvor mit der original The Outer Limits Serie und The Twilight Zone schon etwas ähnliches gegeben hatte. Für mich war die 90er Auflage etwas einzigartiges, und die Serie hinterließ nach ihrer Absetzung eine traurige Lücke. In den letzten Jahren wurden wir zwar mit qualitativ äußerst hochwertigen TV-Serien überschüttet, die eigentlich keine Wünsche offen ließen, aber auf etwas wie The Outer Limits musste ich lange warten.

bild_2017-02_blackmirror1Black Mirror schließt diese Lücke nun, und als die dritte Staffel kürzlich bei Netflix aufschlug, beschloss ich, alle Folgen in einem Rutsch nachzuholen. Da die erste Staffel bereits Ende 2011 ihre Premiere feierte, dürften die meisten schon vor mir davon gehört haben. Aber für den Fall, dass nicht: Es handelt sich um eine britische Serie, die in jeder der im Schnitt eine Stunde langen Folgen eine abgschlossene Geschichte erzählt. Also ganz im Geiste von The Twilight Zone oder eben The Outer Limits. Auch hier geht es düster zu, auch hier steht eine Moral am Ende und vom Genre her bewegen wir uns meistens im Sci-Fi Bereich. Was Black Mirror einzigartig macht, ist jedoch der Fokus auf moderne Technik und wie sie unser Leben beeinflusst. Smartphones, soziale Netzwerke, Virtual Reality… jede Black Mirror Folge hat in irgendeiner Form damit zu tun, wobei manche so wirken, als könnten sie heute spielen, andere wiederum sind Dystopien über eine ferne Zukunft. Ein Bezug zu unserer Realität findet sich aber immer schnell, und das sorgt zusammen mit den nicht gerade aufs Wohlfühlen ausgelegten Geschichten für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Dieses Gefühl kann Black Mirror sehr, sehr gut.

bild_2017-02_blackmirror2Meine Erwartungen waren wegen der Lobeshymnen im Netz extrem hoch, und zwischendrin war ich dann merkwürdig zwiegespalten. Aber ich kann jetzt rückblickend mit etwas Abstand sagen: Jawoll, seht euch diese Serie an! Sie ist etwas besonderes, überrascht mit jeder Folge und ich denke auch noch Wochen später über manche nach. Gerade der Bezug zu Internetthemen aus unserem Alltag macht die Sache für mich spannend, aber das Ganze ist so verpackt, dass man es auch dann kapiert, wenn man nicht bei Snapchat, Instagram und Reddit gleichzeitig aktiv ist. In der Folge „The Entire History of You“ wird zum Beispiel gezeigt, welche Auswirkungen es auf unser Beziehungsleben haben könnte, wenn das Verlangen, jeden Moment digital festzuhalten, dazu führt, dass wir unser komplettes Leben aufzeichnen. Diese Folge dreht sich im Grunde bloß um ein eher belangloses Eifersuchtsdrama, aber der ungewöhnliche Kniff macht es interessant. Noch emotionaler wird es in der Folge „San Junipero“, in der es um zwei Frauen geht, die sich in einer virtuellen Welt ineinander verlieben. Man kann bei einigen Black Mirror Folgen leicht ein Tränchen verdrücken. Und wem Diversity bei den Charakteren ein Dorn im Auge ist, der wird wahrscheinlich keinen Spaß an dieser Serie haben, denn sie wirkt nicht nur bei der Auswahl ihrer Themen modern, sondern auch bei der Wahl ihrer Protagonisten. Selbst bei Themen wie Shitstorms und Selbstjustiz hatte ich aber nur selten Gefühl, dass die Moralkeule zu heftig geschwungen wird. Die kritischen Untertöne sind unverkennbar, aber von einigen Ausnahmen abgesehen verpackt sie Black Mirror ziemlich clever. Auch wenn es kein Happy End gibt und ein Kloß im Hals bleibt, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Es scheint das Vorurteil zu geben, das Black Mirror bloß eine Hipster Serie sei, die sich der YouTube Generation anbiedert. Aber dann muss ich mich ehrlich fragen, welche Einsiedler das schreiben, denn im Leben von jedem von uns spielt das Internet inzwischen eine dermaßen große Rolle, dass es eben keine Nischenthemen sind, die hier im Mittelpunkt stehen. Besonders hart getroffen hat mich was das angeht die Folge „The Waldo Moment“, die 2013 auf gruselige Weise Donald Trumps Walkampf vorweggenommen hat. Darin geht es um eine beleidigende Witze reißende, völlig inkompetente Cartoonfigur, die von der Bevölkerung gefeiert wird. Aus einer ursprünglich nicht ernst gemeinten Wahlkampagne, weil sie eh niemand wählen würde, entwickelt sich etwas größeres. Anders als in der Realität will der Erfinder der Figur wenigstens aussteigen, als er merkt, dass die Bevölkerung dabei ist, einen großen Fehler zu begehen.

bild_2017-02_blackmirror3Ich hatte überlegt, eine Bestenliste zu erstellen, aber es fällt mir sehr schwer, eine Lieblingsfolge zu benennen. Zu meinen persönlichen Highlights gehört auf jeden Fall „Shut Up and Dance“ über einen Jungen, der von Unbekannten mit einem peinlichen Video erpresst wird. Es ist eine der wenigen Folgen, die ich von vorne bis hinten gut erzählt finde, ohne überflüssigen Schnickschnack, mit durchgängiger Spannung und einem unangenehmen, aber knackig erzähltem Finale. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht auf den Grund dafür zurückkommen, weshalb ich zwischendurch etwas zwiegespalten war, ob Black Mirror meine hohen Erwartungen erfüllt hat… Nein, diese Serie ist nicht perfekt. Sie hat sogar ziemlich viele Macken. Die zweite Folge „Fifteen Million Merits“ zeigt das, was ich an Black Mirror mag und was mich irritiert, am besten. Die Geschichte ist unheimlich gut erzählt und schlägt einige Haken. Man lernt zwei sympathische Charaktere kennen, die in der Zukunft auf ihren Traum hinarbeiten. Die Welt, die gezeigt wird, wirkt allerdings unheimlich kitschig. Videospiele sehen aus wie heute schon lange veraltete Handyspiele, und während die Handlung ernst und sogar tragisch ist, haben mich die bunt und billig wirkende Kulissen etwas rausgerissen. War dieser Look gewollt oder lag es am geringen Budget? Schwer zu sagen. Dann gibt es noch eine Szene am Ende, in der ein längerer Monolog gehalten wird, der zwar für die Handlung etwas bringt, der mich aber etwas gestört hat. Später gibt es mit „Nosedive“ eine weitere Folge, in der das Finale einen langen Monolog braucht. Und diese Folge hat er für mich sogar ruiniert, obwohl sie sehr stark angefangen hat und perfekt einfängt, wie bei Facebook, Instagram und co. nach Likes gegiert wird. Aber ist es nicht die einfallsloseste Art, seine Moral durch einen schwülstigen Monolog einzuhämmern? Die Folgen, in denen das subtiler passiert, gefallen mir besser.

Es kam immer mal wieder vor, dass mich einzelne Szenen (oft gegen Ende) an Black Mirror Folgen gestört haben. Aber das trübt den Gesamteindruck kaum, weil der Rest einen auf unnagenehm spannende Weise fesselt. Und wenn ich mich an The Outer Limits zurück erinnere, hatten dort viele Folgen wesentlich schlimmere Hänger und Fremdschammomente. Bei Black Mirror kann ich selbst den schwächeren Folgen noch viel abgewinnen, und das will etwas heißen. Wer trotzdem wissen will, welche Folgen mir persönlich am wenigsten gefallen haben: „Be right back“ und „Men Against Fire“. Alle anderen würde ich mir jederzeit noch einmal ansehen, und das ist doch ein sehr guter Schnitt. Also: Gebt „Black Mirror“ eine Chance, es lohnt sich.

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