08. 03. 2017

Aarons Geschichte

Ich habe hier noch nichts darüber geschrieben, dass wir seit Oktober 2015 stolze Hundebesitzer sind. Das liegt nicht daran, dass ich nicht über Aaron schwärmen könnte. Als ich meinen Blog wiederbelebt habe, habe ich direkt einen Text über ihn angefangen. Ein sehr zufriedener Text, darüber, wie gut er sich trotz seiner traurigen Vergangenheit bei uns gemacht hat und was für einen liebenswerten Charakter er hat. Aber dann wurde Aaron krank… und ich konnte einen solchen Beitrag nicht mehr posten. Ich wollte erst etwas schreiben, wenn wir zumindest halbwegs gute Nachrichten hätten.

Seit Herbst hatte Aaron mehrere Schübe von sehr starken Rückenschmerzen, die je etwa eine Woche dauerten. So stark, dass er trotz heftiger Schmerzmittel zeitweise nur am wimmern und sogar schreien war und an manchen Tagen nicht mehr aufstehen wollte. Natürlich waren wir dadurch selber auch fix und fertig, denn das schlimmste war, ihm nicht helfen zu können. Wir haben zum Glück einen sehr erfahrenen und engagierten Tierarzt, der Spezialisten um Rat fragt und inzwischen eng mit einer Tierklinik für Aarons Fall zusammenarbeitet. Aber trotz aller Bemühungen, MRT, Röntgen, zig Bluttests, Massagen, Spritzen, etc. tappen wir im Dunkeln und die Schübe wurden von Mal zu Mal schlimmer. Es gibt Anzeichen for Spondylose an der Wirbelsäule, aber solche extremen Symptome deuten eigentlich darauf hin, dass da noch etwas anderes sein muss. Sonst hätten die normalerweise bei Spondylose eingesetzten Schmerzmittel helfen müssen. Seltsam ist außerdem, dass Aaron außerhalb der Schübe keine Symptome zeigt und selbst währenddessen nicht schmerzhaft reagiert, wenn man an seinem Rücken herumdrückt. Wir suchten also weiter… noch ein Bluttest… noch ein Bluttest…

foto_aaron_2017-02Vor etwas über einem Monat gab es dann ein positives Ergebnis: Hundebrucellose. Eine in unseren Gefilden extrem seltene Krankheit, die in Deutschland eigentlich ausgestorben ist. Aaron hätte sich aber als junger Hund in Bulgarien infizieren können. Die Bakterien können sich im ungünstigen Fall in der Wirbelsäule festsetzen, und da die Behandlung sehr schwierig ist, muss man die erkrankten Hunde dann häufig einschläfern, weil die Schmerzen immer schlimmer werden. Eine furchtbare Vorstellung… Zur Absicherung sollten wir eine Biopsie und ein zweites MRT (zum Vergleich mit dem ersten vom Herbst) machen lassen. Noch einmal um die 1.700 €, zu den noch höheren Beträgen, die wir in den letzten Monaten schon für Aaron ausgegeben hatten. Ich würde jeden mir irgendwie möglichen Preis für die Behandlung eines Haustieres zahlen, denn schließlich gehören sie zur Familie und man entscheidet sich bewusst für die Verantwortung, wenn man ein Tier adoptiert. Allerdings musste ich bei diesem Betrag schon sehr schlucken, denn wir haben wie gesagt in den letzten Monaten bereits sehr viel Geld für die Behandlung der Symptome und Suche nach einer Diagnose ausgegeben. Und diese Untersuchung hätte ihm noch nicht geholfen, sondern nur möglicherweise Klarheit über die Bakterien verschafft. Dazu käme natürlich das Risiko der Narkose. In einem Bericht der Tierklinik Gießen zur Burcellose las ich dann, dass der Test häufig falsch-positive Ergebnisse liefert. Also beschlossen wir, als wir eigentlich schonen einen Termin für MRT und Biopsie hatten, uns lieber vorher mit einem zweiten Bluttest abzusichern. Das Labor nahm sogar direkt zwei Tests mit der neuen Blutprobe vor. Zum Glück! Der eine war nämlich wieder positiv… und der letzte negativ.

foto_aaron_2016-01-17Wir waren unglaublich erleichtert! Obwohl ich eigentlich optimistisch bin, hatte ich die ganze Zeit die Worte des Tierarztes im Hinterkopf, dass es bei dieser Krankheit womöglich keine andere Möglichkeit gibt, als einzuschläfern. Hätte Aaron die Bakterien tatsächlich im Körper gehabt, hätte das zweite MRT gezeigt, ob der Verfall der Wirbelsäule fortschreitend ist. In diesem Fall hätte selbst eine Antibiotikatherapie, mit der man Brucellose normalerweise zu behandeln versucht, keine Aussichten auf Erfolg gehabt. Natürlich ist Aaron jetzt nicht geheilt, denn wir wissen immer noch nicht, was für die Schmerzen verantwortlich ist. Allerdings geht es ihm momentan gut und der Abstand zum letzten Schub hat sich vergrößert. Vielleicht begünstigt nasskaltes Wetter seine Beschwerden und er hat den Sommer über wieder Ruhe? Wir haben ihm außerdem ein rückenschonendes Bett gekauft und schützen ihn vor Zugluft. Zusätzlich beginnen wir diese Woche eine Antibiotikabehandlung, für den Fall, dass andere Bakterien Schuld sind.

Er hätte es auf jeden Fall verdient, endlich etwas Glück zu haben. Das hatte er früher schon nicht. Als er im Alter von 3 Jahren zu uns kam, hatte er die Hälfte seines jungen Lebens hinter Gittern zugebracht und war sehr schreckhaft. Anfangs hörten wir häufig: „Huch, irgendetwas stimmt mit seinem Blick nicht!“. Als wir ihn aus dem Tierheim holten, hatte er die Augen ständig aufgerissen, als wäre er in Panik. Aber es war kein Augenfehler, er hatte tatsächlich einfach nur Angst. Vor Statuen, Stöcken, Tüten, Tonnen… Er kam ursprünglich aus Bulgarien, wo er im Alter von gerade einmal einem Jahr in einer Tötungsstation landete. Sein Herrchen war angeblich verstorben und niemand fühlte sich für den jungen Hund verantwortlich. Etwa zu dieser Zeit muss ihm jemand das Ohr abgeschnitten haben, weil so kastrierte Hunde gekennzeichnet wurden. Er wurde dann von Tierschützern vor dem Tod gerettet, die dachten, dass man ihn in Deutschland gut weitervermitteln könnte. Allerdings verbrachte er die nächsten 1 1/2 Jahre hier beim Tierschutzverein, der ihn leider nicht vermitteln konnte. Anscheinend wollte niemand einem eingeschüchterten Hund eine Chance geben, der sich vor Besuchern versteckt, anstatt sie schwanzwedelnd zu begrüßen. Dazu kam, dass andere Hunde Aaron das Leben nicht leicht machten. Obwohl er sehr gut sozialisiert ist, gab es im Tierheim welche, die ihn unterbutterten, weswegen er irgendwann alleine gehalten werden musste. Er ist halt nicht der dominanteste.

foto_aaron_2016-03-09Ausgerechnet dieses Häuflein Elend suchten wir uns aus, als wir überlegten, welcher Hund zu uns passen könnte. Nicht gerade die typische Wahl, denn Angsthunde können natürlich sehr schwierig sein, und das sollte man nicht unterschätzen. Aber zum Glück ließen wir uns nicht vom Ersteindruck abschrecken, sondern nahmen uns Zeit, ihn richtig kennen zu lernen. Unser erstes Treffen sah so aus, dass Aaron sich vor uns mit eingezogenem Schwanz in seiner Hundehütte versteckte, und dann, als er angeleint wurde, direkt aus dem Halsband schlüpfte. Er flüchtete zu seinem ehemaligen Gehege, um dort nach weiteren Versteckmöglichkeiten zu suchen. Es war ein herzzerreißender Anblick. Aber wir wollten ihm trotzdem eine Chance geben. Wir gingen mehrmals mit ihm Gassi und mit jedem Besuch schien er schon mehr aufzutauen und Vertrauen zu uns zu fassen. Nach langem Überlegen sagten wir uns schließlich: Der isses. Und es war erstaunlich, wie schnell er sich einlebte und die meisten seiner Ängste ablegte! Er scheint so dankbar zu sein, endlich einen ruhigen Platz bei Menschen zu haben, die für ihn da sind. Er folgte uns von Anfang an auf Schritt und Tritt, auch wenn er zuerst großen Respekt hatte, bestimmte Zimmer zu betreten. Er muss sehr streng und mit Schlägen erzogen worden sein. Auch Spielzeug traute er sich zuerst nicht anzufassen, weshalb uns gesagt wurde, dass er wahrscheinlich nie spielen würde. Wir mussten ihm zuerst beibringen, dass er überhaupt spielen darf. Mit seienm ersten Ball spielte er zuerst nur, wenn wir nicht dabei waren. Aber inzwischen klappt das wunderbar, er liebt seine kleinen Plüschtiere und vor allem zusammengerollte Decken über alles. Er hat gelernt, Spaß zu haben. Aaron ist ansonsten aber schon ein eher gemütlicher Hund. Er lässt sich gerne den Bauch von der Sonne wärmen, den Bauch kraulen oder den Bauch mit Schweinedärmen und anderen möglichst penetrante Gerüche absondernden Leckereien befüllen. Bauch ist gut. Als wir ihn zu uns nach hause geholt haben, hatte er allerdings noch ein bisschen zu viel davon. Wir mussten ihn in den ersten Monaten 7 kg abspecken lassen, was glücklicherweise problemlos funktionierte. Außerdem mussten wir ihn mehrere Monate lang wegen eines Hautwurms behandeln, den er sich wohl schon in seiner Heimat eingefangen hatte. Aber das hat er überstanden. Und heute bekommt Aaron Komplimente, dass er so schöne Augen hat, anstelle der besorgten Fragen, warum er so panisch guckt. Er hat sich wirklich gut gemacht.

foto_aaron_2016-07-11Als Kind bin ich mit Schäferhunden aufgewachsen und ich mag sie nach wie vor wegen ihres treuen, aufmerksamen Charakters. Bei Schäferhunden habe ich immer das Gefühl, dass ich weiß woran ich bin, und in Aaron steckt viel Schäferhund. Er will nichts verkehrt machen. Er kommt mit Kindern, allen anderen Hunden und sogar den Nutria hier sehr gut aus. Nur Katzen scheint er nicht sonderlich zu mögen, aber man kann ja nicht alles haben. Die Katzen Gangs hier in der Gegend sind halt auch leider nicht daran interessiert, Freundschaften mit Hunden zu knüpfen. Aaron jagt zum Glück nur extrem selten, aber als er einmal im Feld eine Maus erwischte, war er selber so verblüfft, dass er sie direkt wieder ausspuckte. Er ist halt doch noch manchmal schreckhaft. Aber er will überall dabei sein und beobachten, was wir treiben. Er ist sehr gelehrig und versteht inzwischen eine Menge Wörter. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn man sich richtig mit ihm unterhalten kann und er z.B. darauf reagiert, wenn wir uns am Telefon von jemandem verabschieden oder bloß darüber reden, gleich „raus“ zu gehen. Davon abgesehen, dass er manchmal Gegenstände klaut und in seinem Hundebett hortet, ist er gut erzogen. Und diese kleinen Diebstahlaktionen sind ja ziemlich witzig, denn ansonsten wäre er schon fast zu brav. Er nimmt ja nicht einmal ohne Erlaubnis etwas aus der Leckerchen-Dose, wenn man sie neben ihn auf den Boden stellt. Das muss man sich mal vorstellen. Auf der Hundewiese musste ich einmal sehr lachen, als er empört dazwischenging, als ein riesiger Neufundländer einen Chihuahua anmotzte. Das sind halt auch diese Schäferhundklischees – er sorgt für Recht und Ordnung, wenn es dann doch mal sein muss. Streit mag er nicht. Und er will immer nach dem Rechten sehen. Als ich einmal im Bad war und draußen lautstark Kater miteinander kämpften, holte er extra Sven, um nachzusehen, ob bei mir alles okay ist. Dann kam er mehr ängstlich als mutig mit ins Bad und suchte alles nach den vermeintlichen Eindringlingen ab. Als Wachhund taugt er auch, weil er uns meldet, sobald jemand an der Tür ist. Das ist im Grunde die einzige Gelegenheit, bei der er richtig bellt – dann aber richtig. Zum Glück wissen Einbrecher nicht, dass der grimmig bellende Hund sie nur abschlecken und niemals beißen würde… Er hat mir dadurch schon gute Dienste bei unerwünschtem Sektenbesuch erwiesen. Das brutalste, was er macht, ist uns morgens mit extra lautem Gähnen zu wecken, wenn er das Gefühl hat, dass er Zeit fürs Frühstück ist.

Das ist also Aaron, der beste Hund der Welt. Und hoffentlich bald wieder ganz gesund.

2 Gedanken zu „Aarons Geschichte

  1. Johanna Gassner

    Ich durfte Aaron ja bereits kennenlernen (nur als Erklärung an Leser, die mich nicht kennen) und für mich ist er mittlerweile trotz der wenigen Treffen bisher schon sowas wie ein Kumpel. Ein Hundekumpel halt, auf den ich mich immer freue, wenn ich die ZiB besuche. Ihm wünsche ich gesundheitliche Fortschritte und bessere Gesundheit in nächster Zukunft :)

  2. ZiB Artikelautor

    Es gibt gute Neuigkeiten: Heute hat Aaron seine Antibiotika-Therapie beendet und es geht ihm nach wie vor gut. :) Kein erneuter Schub seit Anfang Januar. Die Ärzte sind selber ein wenig verblüfft, weil es im Winter so schlecht aussah.

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