30. 03. 2017

The Witness

The Witness

Ein Videospiel durchzuschaffen ist zwar meistens eine befriedigende Erfahrung, aber selten war ich hinterher so stolz wie bei The Witness. Plötzlich war ich nicht mehr ZiB, die mit 0 Punkten den Negativrekord in der Mathe-Abiprüfung hielt, sondern der Nobelpreis schien in greifbare Nähe gerückt zu sein. Mein Hirn hat’s voll drauf! Dann fiel mir allerdings ein, dass die eigentlichen Genies die sind, die sich diese kniffelige Knobelreise ausgedacht hatten. Denn The Witness ist weit mehr als bloß eine Aneinanderreihung von Labyrinthrätseln, wie man es nach den ersten 5 Minuten vielleicht glauben könnte. Und es ist auch kein bloßer Aufguss von Myst mit poppigeren Farben. Es ist eine sehr ungewöhnliche Mischung, bei der jedes Detail perfekt durchdacht zu sein scheint. Ich möchte nicht zu viel vom eigentlichen Inhalt verraten, um dem ganzen nicht den Reiz zu nehmen, aber ein bisschen will ich doch spoilerfrei darüber schreiben.

Wenn Adventure und Puzzle ein Baby hätten

Dafür, dass ich eigentlich sehr gerne rätsle, habe ich vor The Witness wenige Spiele durchgespielt, die darauf setzen. Viel begonnen, viel abgebrochen… Woran liegt’s? Wenn ich an Denkspiele denke, denke ich zuerst an Adventures wie Monkey Island und Puzzlespiele wie Picross. Viele Adventures gab ich auf, weil ich nicht sonderlich frustresistent bin, wenn Rätsel meiner Meinung nach unlogisch aufgebaut sind. Ich will nicht durch Herumprobieren auf die Lösung kommen müssen, sondern durch Nachdenken. Egal wie lustig das Ergebnis hinterher sein mag. Und bei klassischen Puzzlespielen verliere ich nach kurzer Zeit die Lust, weil es mir zu eintönig wird, wenn sich die Level zu sehr ähneln. Deshalb konnte ich nie ein ganzes Heft voller Sudokus durchackern, als sie vor ein paar Jahren so sehr im Trend lagen. Bei meinen Heften waren immer nur die ersten paar Seiten gelöst, und ab dann fristeten sie ein trauriges Dasein unter Staubschichten und weiteren angefangenen Rätselheften. Ich fand mich damit ab, dass Rätsel mir sowohl am PC als auch auf Papier zwar Spaß machen, aber nur für kurze Zeit.

The Witness

Nicht nur was fürs Hirn, sondern auch fürs Auge.

The Witness kombiniert allerdings das beste aus beiden Welten, und zwar den Abwechslungsreichtum und die hübsche Spielwelt von Adventures mit den logischen, aber dennoch fordernden Rätseln reiner Knobelspiele. Und ich denke, genau diese Kombination hat mich motiviert! Nie habe ich das Gefühl gehabt, dass etwas unfair oder frustrierend ist, und eintönig wurde es auch nicht. Besonders beachtlich finde ich außerdem, dass man überhaupt keine Erklärungen benötigt, sondern alles sehr intuitiv gestaltet ist. Trotz frei begehbarer Insel bauen die einzelnen Rätsel logisch aufeinander auf, so dass man wie von selbst dazu lernt. Das fängt mit dem Verstehen einfacher Symbole an und hört bei der Erkenntnis noch lange nicht auf, dass man nicht nur stur auf die Panels starren sollte, auf denen sich die Aufgaben befinden. Jedes Rätsel ist anders, weil ständig neue Aspekte dazu kommen. Es gab immer wieder Aha-Momente, bei denen ich völlig erstaunt war, wie anders man plötzlich um die Ecke denken muss. Deshalb ist es auch so wichtig, nicht zu viel über dieses Spiel zu verraten, denn es geht neben logischem Denken auch maßgeblich um den Spaß am Entdecken und Erforschen.

Denkzettel

Forscher zu sein bedeutet natürlich auch, dass man sich Notizen macht. The Witness ist zwar kein Spiel, das einen dazu zwingt, sich haufenweise Details an unterschiedlichen Orten zu merken, aber bestimmte Rätsel lassen sich mit Stift und Karopapier bequemer lösen als im Kopf. Es gibt da beispielsweise dieses „bunte“ Haus mit dem Aufzug… ja, ich denke, das war mein Lieblingsbereich. Wer ihn kennt, wird wissen, was ich meine.

The Witness Notizen

Wer noch vor hat, The Witness zu spielen, sollte natürlich nicht versuchen, meine Notizen zu entziffern.

Außerdem wird man wie gesagt nicht an die Hand genommen, was bedeutet, dass man z.B. auf eine Karte oder Statistiken verzichten muss. Will man alle Rätsel lösen, sollte man sich notieren, in welchen Gebieten es noch etwas zu tun gibt. Wer darauf keine Lust hat, kann aber genau so gut auf gut Glück drauf los wandern, denn auch so gelangt man irgendwann ans Ziel. Obwohl die Rätsel nach einer Weile ziemlich kniffelig werden können, setzt einen das Spiel nicht unter Druck. Es gibt für kleine Hänger immer irgendwo einen anderen Ort, den man vorziehen kann, bis einem doch noch der richtige Geistesblitz kommt.

Mein Reisegefährte und ich

Man kann die Wahrscheinlichkeit für diese Geistesblitze übrigens erhöhen, indem man zu zweit auf Erkundungstour geht. Obwohl The Witness keinen richtigen Multiplayer-Modus hat, funktioniert es meiner Meinung nach hervorragend zu zweit auf der Couch. Ich habe es komplett mit Sven zsammen durchgespielt, wobei wir uns immer wieder abgewechselt haben. Auch wer gerade nicht den Controller hält, kann auf die richtige Lösung kommen und helfen. Und wenn man mal nicht weiter kommt, macht es zu zweit mehr Spaß, über mögliche Lösungswege nachzugrübeln. Natürlich sollten beide in etwa gleich schnell sein, denn es würde wahrscheinlich ziemlich nerven, wenn einer immer vor dem anderen auf die Lösung kommt.

Eine richtige Geschichte gibt es übrigens bei The Witness nicht, zumindest nicht wenn man die idyllische Insel nur oberflächlich erkundet. Man kann bis zu den Credits kommen, obwohl man nur an der Oberfläche gekratzt hat. Wer Spaß daran hat, tiefer zu schürfen, kann jedoch nicht nur auf weitere versteckte Rätsel stoßen, sondern sich über mysteriöse Objekte und sammelbare Audio-Logs mehr über die Hintergründe zusammenreimen. Ich muss zugeben, dass mich dieser Part am wenigsten gereizt hat. Die meisten Audio Logs sind mitunter ziemlich lange Zitate, in denen es um Philosophie und Wissenschaft geht. Sie sind interessant, aber wenn man währenddessen bereits das nächste Rätsel im Blick hat, fällt es schwer, sich zu konzentrieren. Ich habe mir also nach dem Abspann lieber Interpretationen anderer Spieler durchgelesen, anstatt jeden einzelnen Hinweis selber zu suchen. Dass diese versteckten Hinweise aber überhaupt verstreut wurden, finde ich sehr schön. Es gibt dem ganzen etwas mystisches, und dabei finde ich es sogar zweitrangig, ob man wirklich auf eine richtige Auflösung kommen kann oder nicht.

Diesen Monat (also noch 2 Tage) gibt es The Witness für schlappe 12 $ im Humble Store. Und wer bisher wegen des Preises unsicher war, dem kann ich nur empfehlen, zuzuschlagen. Es ist vielleicht „nur“ ein Rätselspiel, aber das beste, das ich je gespielt habe. Und eine der interessantesten und befriedigendsten Spielerfahrungen der letzten Jahre.

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