02. 05. 2017

2 x Überwacher spielen

Orwell game

Steam hat in dem spannend klingenden Badtime Stories Bundle THIS WAR OF MINE, ORWELL und BEHOLDER zusammengepackt. In allen drei Spielen geht es grob gesagt um moralische Dilemma in einer dystopischen Welt, die sich gar nicht so sehr von unserer unterscheidet. THIS WAR OF MINE hatte ich bereits vor einer ganzen Weile ausgiebeig gespielt, weshalb ich es jetzt ausklammere. Weil ich es damals aber extrem gut fand, habe ich mich über Ostern ORWELL und BEHOLDER gewidmet, die gemeinsam haben, dass man für eine nicht sonderlich vertrauenserweckende Regierung deren Bevölkerung ausspionieren soll. Man will sich und seine Familie schützen, aber gleichzeitig muss man entscheiden, welche Informationen man weiterleitet, die das Leben anderer zerstören können. Zwei schöne Beispiele dafür, dass Videospiele nicht nur simple Geschichten mit Happy End erzählen müssen, sondern auch vor großen politischen und moralischen Debatten nicht zurückschrecken sollten.

Orwell

ORWELL haben wir dem kleinen deutschen Entwickler Osmotic Studios zu verdanken, und es erschien im Oktober letzten Jahres. Wir wurden von der Regierung eines fiktiven Staates auserwählt, mit Hilfe der neuen Überwachungs-Software „Orwell“ Bürger auszuspionieren, die unter Terrorverdacht stehen. Die Spieloberfläche besteht aus einer Art Browser, über den wir durch unsere Vorgesetzten freigegebene Links durchforsten und Zugriff auf Chatverläufe, Telefonate und Festplatten der Verdächtigen erhalten können. Da dies alles in Textform stattfindet, sollte man nicht lesefaul sein, und trotz der ungewöhnlichen Form würde ich das Spiel vom Gerne her am ehesten mit Visual Novels vergleichen. Man hat aber glücklicherweise nie das Gefühl, von Textwüsten erschlagen zu werden, denn die einzelnen Häppchen haben eine angenehme Länge. Außerdem hat man immer etwas zu tun, denn der interaktive Teil besteht darin, dass man einzelne Textausschnitte auswählen und an seine Auftraggeber weiterleiten kann. Was ist relevant für den Fall, und was lässt den Verdächtigen in welchem Licht erscheinen? Schnell wird einem klar, dass es die Wahrheit immer verzerrt, wenn man bloß Ausschnitte des Ganzen kennt. Damit hat der Spieler die Macht, über die Geschichte zu entscheiden, die sich entwickelt. Reiße ich ironisch gemeinte Chat-Kommentare politisch engagierter Studenten aus dem Zusammenhang, und mache dadurch die Polizei auf sie aufmerksam? Versuche ich, private Informationen geheim zu halten, obwohl es sein könnte, dass deswegen ein weiterer Terroranschlag nicht rechtzeitig verhindert werden kann? Bin ich nur Beobachter oder Täter? ORWELL schafft es durch die Rolle, in die es den Spieler schlüpfen lässt, sehr aktuell zu wirken, wenn man z.B. an die Argumente für und gegen Vorratsdatenspeicherung denkt. Und es lässt einem die Wahl, so dass man tatsächlich daran zu knabbern hat, wie man sich verhalten soll.

Einen großen Reiz macht natürlich auch die Oberfläche aus. Ich habe schon andere Titel angespielt, die einen die Computer fikitver Personen durchstöbern lassen und auf diese Weise ihre Geschichte erzählen. Das macht einfach Spaß, weil wahrscheinlich jeder eine versteckte voyeuristische Ader hat. Die meisten dieser Spiele hatten allerdings das Problem, dass sie sehr kurz waren, und man dadurch stark das Gefühl hatte, einer linearen Handlung zu folgen. Das ist ja auch logisch, denn wenn ich z.B. Zugriff auf ein echtes Smartphone erhalten würde, würde ich dort von einer Flut von tausenden Fotos und Chatverläufen erschlagen werden. Es würde sich sehr ziehen, daraus die relevanten Informationen herauszusuchen. Man muss also in Spielen die richtige Mischung zwischen einer realistischen Umgebung und Vereinfachung finden. ORWELL hat das meiner Meinung nach nachezu perfekt hinbekommen. Zumindest habe ich bisher kein Spiel dieser Art gesehen, bei dem ich so motiviert war und mich gleichzeitig so nahe an der echten Online-Welt gefühlt. Dazu trägt nicht nur der Umfang bei, sondern auch, dass die Charaktere nicht gekünstelt wirken. Die Verdächtigen, die ich überwache, wirken wie ganz normale Menschen aus unserem Alltag, und gerade dadurch habe ich mich ihnen nahe gefühlt und falsche Entscheidungen bereut.

Und wie sieht es mit der Relevanz der eigenen Entscheidungen aus? Ich würde sagen: Sie haben nicht mehr und nicht weniger Auswirkungen als in anderen Spielen, die sich mit Entscheidungsfreiheit brüsten. Ich habe das Gejammere darüber, wenn es nur eine Hand voll unterschiedlicher Enden gibt, noch nie verstanden. Für mich ist es logisch, dass man nicht eine große Anzahl komplett unterschiedlicher Handlungsverläufe aus dem Boden stampfen kann, denn der Aufwand für etwas, was nur wenige sehen, wäre dann viel zu groß. Wichtig ist mir in erster Linie, wie ich mich beim Spielen fühle. Solange ich in die Spielwelt eintauchen kann und sie mir das Gefühl gibt, dass meine Rolle Relevanz hat, reicht mir das vollkommen. Nach dem Abspann lese ich dann nach, an welchen Stellen mein Handeln z.B. über Leben und Tod einzelner Personen entschieden hat (das gibt es hier durchaus), aber „mein“ Spielverlauf bleibt trotzdem meiner.

Orwell Game

Beholder

Das russische Entwicklerstudio Warm Lamp Games zeichnet sich für BEHOLDER verantwortlich, in dem es ebenfalls um das Ausspionieren der Bürger geht. Zuerst fällt der eigenwillig düstere Illustrationsstil auf, der mir sehr gut gefallen hat. Die bequeme Maussteuerung und die frontale Sicht auf das Haus erinnern außerdem ein wenig an THIS WAR OF MINE. Wir schreiben das Jahr – ja, auch hier kommen wir nicht ohne Orwell Anspielung aus – 1984. Ein Familienvater soll im Auftrag eines totalitären Staates die Verwaltung eines Mietshauses übernehmen. Das bedeutet, dass von ihm erwartet wird, die Bewohner auszuspionieren und verdächtiges Verhalten zu melden. Wir schleichen uns in die Wohnungen, sobald die Mieter zur Arbeit gehen, installieren Kameras, durchsuchen Schränke und unterhalten uns mit Nachbarn. Während ORWELL in einer Welt spielt, die stark an unsere eigene Umgebung hier in Deutschland erinnert, sieht es in BEHOLDER deutlich düsterer aus. Von Anfang an wird klar, dass es hier um Leben und Tod geht und jeder seine persönlichen Probleme hat. Leider hielt sich mein Mitgefühl den Charakteren gegenüber aber trotzdem in Grenzen… Und das ist bei einem Spiel, das schwerwiegende moralische Entscheidungen in den Mittelpunkt rückt, natürlich sehr schade.

Woran hapert es? Ich denke, das zu Grunde liegende Spielkonzept zerstört viel. Man steht nämlich ständig unter Zeitdruck und muss möglichst schnell möglichst viele Aufgaben erfüllen, bzw. Geld durch das Verfassen von Spionageberichten verdienen. Dieses gehetzte Micromanagement führt dazu, dass man schon bald nicht mehr wirklich darauf achtet, was die Charaktere sagen, sondern nur noch auf die Einblendung wartet, was sie wann wollen. Menschliche Schicksale gehen dadurch unter, egal wie sehr sich das Spiel bemüht, sie immer wieder einzubauen. Und vielleicht sind auch die Dialoge eine Spur zu hölzern, um wirklich zu berühren. Selbst als meine kleine Tochter starb, weil ich die Medikamente nicht rechtzeitig bezahlen konnte, musste ich über die ungelenken Reaktionen der Familienmitglieder eher schmunzeln, als dass sie mir Tränen in die Augen getrieben hätten. ORWELL schaffte es mit geringeren Mitteln eine größere Nähe zu den Figuren aufzubauen. Merkwürdig, aber daran sieht man, dass zum einen gute Texte wichtig sind, und zum anderen die Spielmechaniken der Geschichte nicht im Weg stehen dürfen. Ich habe nach wenigen Stunden aufgehört, weil mich leider weder die Handlung noch das Micromanagement genug gereizt haben, um mich weiter durchzubeißen.

Um ein positives Gegenbeispiel zu nennen: Auch A WAR OF MINE traut sich, ein ernstes Thema mit einem Spiel im klassischen Sinne zu verbinden, das „mehr“ ist als ein Textadventure. Man muss als Zivilist in einem Kriegsgebiet überleben und dabei nicht nur harte Entscheidungen treffen, sondern auch für Nahrung und Ausrüstung sorgen. Also im Grunde Micromangement wie bei BEHOLDER, nur dass hier die Schicksale der Charaktere nicht mit der Spielmechanik konkurrieren müssen, weil man auf dramatische Dialoge verzichtet hat. Was ausgedrückt werden will, kommt trotzdem rüber, durch die Atmosphäre und die eigenen Taten. Die Mischung muss eben stimmen, das ist bei ernsten Themen noch wichtiger als allgemein bei Videospielen.

beholder

Fazit

Wenn ihr eines der beiden Spiele ausprobieren möchtet, würde ich euch auf jedenfall zu ORWELL raten, zu dem es außerdem eine kostenlose Demoversion gibt. Beide sehen gut aus und es stecken offensichtlich sehr engagierte Teams dahinter, nur leider schafft es BEHOLDER meiner Meinung nach nicht, alles was es sein will unter einen Hut zu bringen. Und wer das ältere THIS WAR OF MINE noch nicht kennt: unbedingt ansehen!

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