07. 03. 2018

Gloomhaven

Gloomhaven

Quinn konnte stolz auf sich sein. Die Totenbeschwörerin, die die Stadt mit ihren Horden von Untoten in Angst und Schrecken versetzt hatte, lag leblos am Bode. Es war ein harter Kampf gewesen, der viel taktisches Geschick erforderte, aber letztenendes hatte das Gute gesiegt. Gloomhaven war wieder sicher – vorerst zumindest. Nun würde sie in die vertrauten Straßen zurückkehren, vielleicht noch einen Blick in die Taverne werfen, ihre liebevoll zusammengestellte Ausrüstung verkaufen und sich zur Ruhe setzen. Ein Eintrag in den Chroniken war ihr gewiss. Mit diesem Sieg hatte sie erreicht, weswegen sie sich einst auf den Weg gemacht hatte, um Abenteuer zu bestehen. Es gab also keinen Grund mehr für sie, sich weiterhin durch Monsterhorden zu kämpfen. Ihr Begleiter, den sie bislang mit ihren selbstgebauten Gadgets und Heilzaubern unterstützt hatte, würde mit Sicherheit nicht lange alleine bleiben müssen. Neue Helden mit völlig anderen Talenten standen schon bereit, um sich der Gruppe anzuschließen. Und mit jeder erfolgreichen Mission würde auch der Wohlstand Gloomhavens wachsen.

Gloomhaven Tinkerer

Wenn es eine höchste Instanz für die Bewertung analoger Spiele gibt, dann ist es die Bestenliste von Boardgamegeek.com. Viele Jahre lang belegte Agricola dort den ersten Platz, dann setzte sich Pandemic Legacy durch. Beide gehören zu meinen Lieblingsspielen. Letztes Jahr schlich sich dann ein ominöser Titel an die Spitze: GLOOMHAVEN. Ein Kickstarter-Projekt von geradezu epischen Ausmaßen. Das mag jetzt nach dem Wiederkäuen von Marketing-Blabla klingen, und vielleicht ist der eine oder andere sogar schon genervt von dem Gloomhaven Hype, aber glaubt mir, dass das „episch“ hier ausnahmsweise wirklich angebracht ist. Ich habe noch nie ein so gewaltiges und gleichzeitig so fesselndes Brettspiel gesehen. Für um die 200 € (das Beobachten von Ebay Auktionen lohnt) erhält man eine monströse Kiste, in der sich 10 kg Spielmaterial stapeln. Nichts davon ist überflüssiger Schnickschnack. Die Coop-Kampagne beschäftigt einen etwa 200 Stunden, in denen man nicht alle der knapp hundert enthaltenen Szenarien gesehen haben wird. Dazu gibt es noch zufällig generierte Dungeons (perfekt für die spontane Runde mit neuen Spielern) und Solo-Szenarien für jede Charakterklasse. Die ineinander verwobenen Spielmachaniken lassen einen nicht nur stumpf in klassischer Dungeon Crawler Manier Monster verprügeln, sondern ergeben ein taktisch anspruchsvolles Abenteuer. Man spielt nicht nur einen Charakter, sondern eine Reihe von Helden, die durch ihre Taten der titelgebenden Stadt Gloomhaven zu Wohlstand verhelfen. Und bislang spielt sich jeder von ihnen völlig unterschiedlich. Dazu kommen Legacy Elemente, die Gloomhaven allerdings nicht wie etwa Pandemie Legacy nach Vollenden der Kampagne unspielbar machen. Man wertet das Spiel eher nach und nach auf, klebt neue Orte auf die beiliegende Landkarte und verbessert die Fähigkeiten-Karten der Charakterklassen.

Gloomhaven Tinkerer

Sven und ich haben vor einem Monat mit der Coop-Kampagne von Gloomhaven begonnen und spielen im Schnitt täglich ein Szenario, was etwa 3 Stunden in Anspruch nimmt. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir so lange ohne Ermüdungserscheinungen an einem Spiel gesessen haben. In dieser Zeit haben wir bereits je einen Charakter in den Ruhestand geschickt, was ein wichtiges Spielelement darstellt. Ich denke nicht, dass es einen über die lange Spielzeit der Kampagne genügend fesseln würde, immer nur den selben zu spielen. Man schaltet durch Ereignisse neue Klassen frei, die bis dahin geheim gehalten werden, und die Vielfalt ist jetzt schon faszinierend. So bin ich immer hin und hergerissen: einerseits möchte ich meinen aktuellen Charakter ausreizen, aufleveln, ausrüsten und seine Fähigkeiten immer weiter verbessern. Andererseits ist man neugierig darauf, wie sich die anderen spielen. Eine sehr motivierende Mischung, die das Problem anderer Spiele umgeht, bei denen man nach einer gewissen Zeit keine Lust mehr hat, neue Klassen auszuprobieren, wenn man sich erst einmal an eine gewohnt hat. Auch wenn einem jeder einzelne ans Herz wächst, zählt bei Gloomhaven das große Ganze, nämlich die Stadt. Die eigenen Taten haben Auswirkungen. Man schaltet beispielsweise nach und nach bessere Waren für den Händler frei und kann durch gute Taten Ruhm anhäufen – man kann sich aber auch dazu entscheiden, sich auf die böse Seite zu schlagen. Kleine Events, die zwischen den eigentlichen Szenarien gespielt werden, hängen von euren Entscheidungen ab und haben Einfluss auf euren Ruf. Wer besonders viel Gold angehäuft hat, darf in der Stadt außerdem seine Handkarten, die die Fähigkeiten des Charakters enthalten, durch Sticker verbessern. Dein starker Bogenangriff soll außerdem vergiften? Dein Flächenangriff einen weiteren Gegner treffen? Mit dem nötigen Kleingeld kein Problem. Und diese Vorteile kommen dann auch allen Spielern zu Gute, die in Zukunft die gleiche Charakterklasse wählen.

Das alles ist aber nur das Drumherum. Das eigentliche Spiel läuft so ab, dass man mit seinen Mitspielern einen Dungeon betritt und die Aufgabe erfüllt, die einem die Mission stellt. Im einfachsten Fall: Töte alle Monster. Mich hat Gloomhaven ein wenig an das PC-Spiel Darkest Dungeon erinnert, nur dass der Permadeath hier freiwillig ist. So wie man überhaupt den Schwierigkeitsgrad nach Belieben in kleinen Schritten anpassen kann. Wir spielten bisher immer auf der für unsere Charakterlevel empfohlenen Stufe, und das funktionierte gut. Manche Szenarien mussten wir mehrmals angehen, aber es fühlte sich immer fair an. Durch das Anpassen unserer Strategie hatten wir irgendwann Erfolg, und es zeigte sich, dass man sich auf die unterschiedlichen Gegnertypen einstellen muss. Außerdem bringen einem auch verlorene Szenarien etwas, denn die gesammelten XP sowie gelootetes Gold und Items darf man behalten. Das führt dazu, dass man nie entnervt aufgibt, sondern selbst in ausweglosen Situationen noch die Schatzkammer auszuräumen versucht oder Attacken ausspielt, die XP generieren. Ach ja… XP. Man erhält keine XP für das Töten von Monstern, sondern für bestimmte Aktionen, die man mit Hilfe der vor dem Szenario zusammengestellten Handkarten ausführt. Dieses System führt dazu, dass auf Support spezialisierte Charaktere keinen Nachteil gegenüber den offensiven Hau-drauf-Typen haben. Auch ansonsten wirkt das Kampfsystem angenehm ausbalanciert. Ich will es hier nicht im Detail erklären, aber es macht wirklich Spaß, erlaubt ausgeklügeltes Taktieren und man hat viel Kontrolle über die einzelnen Elemente. Es gibt alles, was man aus klassischen Fantasy-Rollenspielen kannt: Initiative, Statusveränderungen, ein System für Elementarzauber, das Beschwören von hilfreichen Kreaturen, Flüche, Fallen, unterschiedliches Terrain… Aber auch ungewöhnliche Fähigkeiten wie etwa die, den Gegenern im wahrsten Sinne des Wortes Steine in den Weg zu legen und mit diesen verschiedene Aktionen auszuführen. So versucht man gemeinsam die Mission zu schaffen und dabei die Stärken der Charaktere aufeinander abzustimmen. Einzelgänger kommen nicht weit. Eine kleine, aber feine Gemeinheit am Rande gibt es jedoch: Neben dem für alle sichtbaren Missionziel zieht jeder Spieler ein geheimes Ziel, das ihm bei Erreichen erlaubt, das Zug-Deck seines Charakter zu verbessern (es gibt keine Würfel, sondern dieses Kartendeck bestimmt den Ausgang der Kämpfe). Das sorgt dafür, dass man zwar als Gruppe zusammen spielt, aber es trotzdem Situationen geben kann, in denen man das Spielgeschehen in eine bestimmte Richtung lenken will, um davon zu profitieren. Wenn der Kollege sich auf einmal trotz heftiger Blessuren weigert, seinen Heiltrank zu trinken, oder ein auffälliges Interesse daran zeigt, Türen als erster zu öffnen, ist möglicherweise ein solches Geheimziel schuld.

Gloomhaven

Es mag einiges an Gloomhaven geben, was abschreckt. Der hohe Preis, der Platzbedarf, die dicke englischsprachige Anleitung. Der Preis ist angesichts des Umfangs und der gebotenen Qualität aber gerechtfertigt. Einen großen Tisch sollte man schon haben, allerdings sind die Dungeons an sich bisher nicht übermäßig groß, so dass man die restlichen Komponenten auf einem zweiten Tisch zwischenlagern könnte, um Platz zu sparen. Und die Anleitung ist sehr übersichtlich aufgebaut. Natürlich ist es ein komplexes Spiel, das ich keinen Einsteigern empfehlen würde. Aber wer gerne coop Spiele mag und sich schon erfolgreich durch die eine oder andere dickere Anleitung gekämpft hat, sollte Gloomhaven auf jeden Fall im Auge behalten. Es hat das Lob verdient, das es aus der Brettspieleszene abbekommt. Ein fesselndes, taktisches, abwechslungsreiches Spielerlebnis, das das beste aus verschiedenen Genres verbindet und dabei trotz der vielen miteinander verknüpften Spielelemente überraschend ausbalanciert wirkt. Wir sind jedenfalls sehr begeistert – und müssen jetzt dringend die nächste Map aufbauen.

Nachtrag: Der Spieleverlag Feuerland hat für Herbst 2018 eine deutsche Version von Gloomhaven angekündigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.