14. 02. 2020

Erfahrungen als Freelancer

Brille

Weil ich inzwischen seit 12 Jahren freiberuflich als Kommunikationsdesignerin meine Brötchen verdiene und mich noch gut an meine Unsicherheiten in den ersten 12 Jahren davon erinnere, kam mir die Idee, einige Erfahrungen aus meinem Berufsleben aufzuschreiben. Schließlich habe ich diesen Blog schon so lange und habe mich nie getraut, das Thema anzuschneiden. Möglicherweise ist es ja für euch hilfreich, falls ihr euch ebenfalls in diesem Umfeld selbstständig machen möchtet. Oder ihr seid einfach neugierig. Aber bitte denkt daran, dass das nur meine persönlichen Eindrücke sind, und es bei anderen ganz anders aussehen kann. Ich möchte einfach nur aufschreiben, was mich überrascht hat, oder wovon ich das Gefühl habe, dass eher selten darüber geschrieben wird. Ich entschuldige mich schon mal dafür, wenn das Ganze keine klare Struktur hat. Außerdem ist das kein Text aus Sicht eines Karrieremenschens, sondern von jemandem mit Spaß an der Arbeit an eher überschaubaren Projekten. Hiermit coache ich euch also garantiert nicht, wie ihr schnell viel Geld macht. :)

Was ich genau treibe? Ich habe nach dem Abi Kommunikationsdesign an einer privaten Akademie studiert (was übrigens völlig wurscht ist, niemand fragt später nach eurem Abschluss), an der ich mein Examen 2007 mit dem Schwerpunkt „interaktives Design“ bestanden habe. Mein Studium war zuerst sehr praktisch ausgerichtet (traditionelle Malerei, Aktzeichnen, Perspektive, Skizzieren, Siebdruck,…), und mit zunehmender Dauer immer mehr auf Werbung (Printdesign, Werbepsychologie, Typografie, Logogestaltung, Kampagnenaufbau…). Für den wirklich „interaktiven“ Part blieb leider wenig Zeit, aber ich hatte das Glück, als Hobby täglich an meinen eigenen Webseiten zu basteln. Weil ich fit in HTML, CSS und Flash war, beschloss ich nach dem Studium und einem Praktikum in einer Werbeagentur, mich selbstständig zu machen. Meine Spezialität ist es seitdem, Webseiten für eher kleine Firmen, Arztpraxen und Einzelpersonen zu erstellen – von der Konzeption bis zur Umsetzung. Manchmal arbeite ich aber auch mit Designerinnen zusammen und übernehme dann nur die Umsetzung ihrer Entwürfe. Oft steht nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Hin und wieder kommt auch etwas Printdesign oder Illustration dazu, aber eher selten. Deswegen klammere ich das hier aus.

Der Start ist hart

Viele haben Angst davor, eine sichere Festanstellung gegen das riskante Freiberuflertum zu tauschen. Und eure besorgten Eltern haben Recht: der Anfang wird euch einige schlaflose Nächte bescheren. Bei mir war das auch so. Wenn man nicht das Glück hat, sich vorher schon eine Reihe potentieller Kunden angelacht zu haben, wird man die ersten Monate wahrscheinlich weniger Aufträge haben, als für Miete und Essen reichen. Deshalb mein Tipp: Reiche Familie. Alternativ angeheiratet. Sollte das gerade schwierig umsetzbar sein, und ihr wollt nicht kriminell werden, kann ein Nebenjob helfen – und nebenbei werden eure Freunde dann weniger die Nase über euch rümpfen. Aber wählt einen, neben dem man noch genug Zeit dafür findet, die Freelancer-Laufbahn wirklich ins Rollen zu bringen. Nichts ist trauriger, als wenn man dann abends alleine mit seinem Selbstmitleid vor Katzen- oder Hundevideos versumpft, weil man zu müde ist, um kreativ zu sein. Schließlich soll der Nebenjob nur eine finanzielle Stütze sein, bis man auf eigenen Beinen steht. Alternativ kann man natürlich auch erst einmal Vollzeit arbeiten und Geld ansparen, bis man sich selbstständig macht. Das Problem daran ist nur, dass man den Absprung vielleicht nicht mehr schafft, weil man sich immer denkt, dass man zur Sicherheit noch etwas mehr Geld auf dem Konto gebrauchen kann. Setzt euch ein Limit und merkt euch, dass es das Risiko wert ist, ins kalte Wasser zu springen. Immerhin haben wir Designer den riesigen Vorteil, dass wir wenig Geld investieren müssen, um uns selbstständig zu machen. Wir brauchen bloß einen Computer und eines dieser knuffigen Adobe Software Abos. Keine extra angemieteten Büroräume, keine Angestellten und keine Lager voller Waren, die ihr vielleicht niemals loswerdet. Das Risiko ist also vergleichsweise überschaubar. An Versicherungen und Rücklagen sollte man natürlich trotzdem denken.

Weiterempfehlungen gehen auch ohne Networking

Aber moment mal, wie kam ich denn nun an Aufträge, nachdem die erste Durststrecke überwunden war? Ich bin sehr schüchtern, piepsig und habe noch nie direkt Werbung für mich gemacht oder mich groß im Netzwerken versucht. Als ich mich selbstständig gemacht habe, hatte ich große Angst, dass ich wegen meiner Scheu vor fremden Menschen Probleme bekommen würde. Denn schließlich ist da kein Chef, der dir Kunden klar macht. Aber ich möchte hiermit jeden beruhigen, der ähnliche Sorgen hat. Niemand braucht Angst zu haben, weil man eher introvertiert ist. Wenn ihr einen guten Job macht und freundlich seid, werden eure Kunden euch weiterempfehlen. Klingt simpel, und vielleicht ein bisschen naiv, aber ehrlich: So etwas Simples wie ehrliche Freundlichkeit ist gar nicht selbstverständlich in einer Branche, in der es vor aufstrebenden Businessmenschen nur so wimmelt, weil überall Durchsetzungsvermögen gepredigt wird. 90 % meiner Aufträge bekomme ich durch Empfehlungen der Kunden (und den Rest von South Park Fans). Eure wichtigste Visitenkarte sind die Sachen, die ihr gemacht habt, und euer Ruf. Es kann sich lohnen, einem Kunden bei einem Problem mit seinem E-Mail Programm zu helfen, obwohl das eigentlich nicht euer Gebiet ist. Seid einfach jemand, mit dem ihr selber gerne zusammenarbeiten würdet. Und seid andererseits nicht zu enttäuscht, wenn sich aus einer versprochenen Weiterempfehlung nichts ergibt. Das kommt nämlich leider häufig vor. Aber unterm Strich sind sie unheimlich wertvoll, denn jemand der so zufrieden ist, wird auch für zukünftige Aufträge zu euch zurück kommen. Und oft ergeben sich aus einer Weiterempfehlung noch weitere.

Mein Tipp ist, sich neben den Kunden mit anderen Freelancern gut zu stellen, die euch ergänzen. Seid ihr Webdesigner, die keine Ahnung von Programmierung haben, könnten das Programmierer sein, die keine Ahnung von Webdesign haben. Man kann nie in allem gut sein, und Freiberufler zu sein bedeutet nicht, dass man nur noch sein eigenes Süppchen kocht. Ich arbeite oft mit zwei lieben Kolleginnen zusammen, die das Design für Webseiten entwerfen. Ich setze es dann um. Als eingespieltes Team kennt man den Stil des anderen und kann deshalb sehr entspannt und effizient arbeiten. Von irgendwo kommt immer ein Auftrag her, den man alleine vielleicht nicht annehmen könnte. Wenn ihr also ein paar nette Menschen kennt, mit denen ihr zusammen Aufträge erledigen könnt, ist das viel wert – und es reicht vielleicht schon. Ihr braucht keine 100 losen Bekanntschaften, wenn ihr nicht der Typ dafür seid. Mit Agenturen habe ich hingegen eher schlechte Erfahrungen gemacht. Schließlich kennen die einen ganzen Haufen Freelancer, was es schwer macht, aus der Masse herauszustechen. Sie schauen außerdem mehr aufs Finanzielle als darauf, ob die Zusammenarbeit angenehm verläuft. Deswegen arbeite ich persönlich am liebsten mit anderen Freiberuflern oder sehr kleinen Agenturen zusammen. Aber Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, und wer Wert auf namenhafte Kunden und Großprojekte legt, sollte sich sowieso an größere Agenturen halten. Man merkt schnell, welche Größenordnung einem am ehesten liegt. Ich mag an kleineren Projekten, dass man kreativ sein kann, ohne dass jede Entscheidung über zehn Ecken gehen muss. Während dem Studium habe ich noch gedacht, dass es das Ziel von jedem sein sollte, bei den großen Namen zu landen.

Sprecht mehr über euer Gehalt, verdammt noch mal!

Mein Stundensatz liegt inzwischen bei 45 €, aber bei bestimmten Kunden nehme ich weniger, wenn es sich z.B. um einen sympathischen Verein mit kleinem Budget handelt. He, das hat ja gar nicht weh getan zu schreiben! Aber als ich mich selbstständig gemacht habe, hatte ich große Probleme, herauszufinden, was eine übliche Bezahlung ist. Kaum jemand redet gerne über sein Gehalt. Also habe ich begonnen, mich mit Berufen zu vergleichen, deren Stundenlohn ich kannte. Mein Friseur um die Ecke nahm damals günstige 20 € – konnte ich guten Gewissens mehr nehmen? Ein paar falsche Tipps später saß ich in der Falle. Ich blieb über Jahre bei einem viel zu geringen Stundenlohn hängen. Das Problem daran ist, dass ihr euch mit einem zu geringen Stundensatz unnötigen Stress macht. Man muss mehr Kunden akquirieren, hat weniger Freizeit und macht sich ständig Sorgen, ob diesen Monat genug Geld für die Miete auf dem Konto ist. Gleichzeitig schadet man anderen Freiberuflern durch das unfreiwillige Drücken der marktüblichen Preise (so wie auch du, du übermotiviertes, minderjähriges Illustrationsgenie bei DeviantArt). Und es ist schwer, zurück zu einem fairen Stundensatz zu finden, wenn man lange deutlich zu niedrig lag. Als sogar meine Kunden angefangen haben, mir zu sagen, dass ich mehr nehmen soll, kam ich ins Grübeln.

Nun gibt es durchaus Designer, bei denen 20 € die Stunde angemessen ist. Aber sieh dir an, was du machst, und schätze es ehrlich ein. Wie lange machst du den Job schon? War dafür eine teure Ausbildung (auch Zeit ist Geld) nötig? Bildest du dich regelmäßig weiter? Erhältst du positives Feedback für deine Arbeit (nicht nur von Mama)? Wie siehst du dich im Vergleich zu anderen? Bietest du einen besonders guten Service? Arbeitest du schnell? Gerade der letzte Punkt ist beim Thema Stundenlohn sehr wichtig. Ich würde sagen, dass ich ziemlich schnell bin, weil ich mich auf etwas spezialisiert habe, was ich seit Jahren als Hobby mache. Früher dachte ich, dass ich dann halt nur wenig Geld für eine Website nehmen kann, weil ja nur die Stunden zählen. Aber ihr habt hart dafür gearbeitet, so schnell zu werden, und deshalb dürft ihr euch dafür einen höheren Stundenlohn gönnen.

Man sollte sich übrigens nicht von einem vergleichsweise hohen Stundenlohn täuschen lassen. Ich verdiene in vielen Monaten unter 1000 €, weil die Aufträge nicht regelmäßig reinkommen. Den Rest meiner Zeit arbeite ich an eigenen Projekten, für die ich nicht bezahlt werde (außer 100 € Patreon Einnahmen pro Monat). Ich habe außerdem viel Freizeit, und das tut mir gut. Würde es mich stören, würde ich mich um mehr Kunden bemühen, und könnte dann sicher ziemlich gut verdienen. Aber jeder Freelancer sollte für sich überlegen, wie viel Arbeit und Geld man braucht. Sich das selber einteilen zu können, ist schließlich der große Vorteil.

Geduld ist die wertvollste Eigenschaft

Man liest viel darüber, was die wichtigsten Skills sein sollen, die man als Freiberufler mitbringen sollte. Klar – Selbstdisziplin und Flexibilität und man sollte sich schnell eine Hose anziehen können, wenn es an der Tür klingelt. Aber lasst uns über eine nicht ganz so offensichtliche Tugend reden, die ihr unbedingt mitbringen solltet: Geduld. Zumindest habe ich bei mir festgestellt, dass ich sie häufig brauche.

Durchgängig warte ich auf etwas. Selbst wenn alle Rechnungen flott bezahlt werden, gibt es immer Baustellen, bei denen ich nur Däumchen drehen kann. Kunde A muss noch die letzten Texte für die Website schreiben… Kunde B die Aufnahmen vom Fotografen weiterleiten… Kunde C sein Feedback für die letzten Entwürfe durchgeben… Kunde D war beim vereinbarten Telefontermin verhindert… Als ich angefangen habe zu arbeiten, war ich der festen Überzeugung, dass alle anderen Erwachsenen ihre Zeit super im Griff haben. Heute weiß ich, dass in jedem von uns immer noch der Schüler schlummert, der seine Hausaufgaben entweder morgens noch schnell im Schulbus erledigt oder komplett vergisst. Menschen schieben gerne Dinge auf. Aber mich macht das nicht wütend, denn wenn man mich für eine Website engagiert, ist es nicht meine Aufgabe, Druck zu machen. Ich sehe es ziemlich entspannt, wenn der ursprüngliche Zeitplan durcheinanderkommt, weil etwas nicht rechtzeitig zugeliefert wurde. Hauptsache, man erledigt seinen Teil der Arbeit zuverlässig. Die einzige Sache, die ich nicht in Ordnung finde, ist, wenn Kunden auf einen festen Termin zum Telefonieren bestehen, sich dann aber nicht melden und nicht einmal Bescheid geben, dass etwas dazwischengekommen ist. Aber selbst in diesen Fällen kann ich nur empfehlen, sich in Geduld zu üben, eine Tasse Tee zu trinken und die Zeit einfach für andere Aufgaben zu nutzen. Wer ungeduldig ist, dürfte mit meinem Job jedenfalls nicht glücklich werden.

Wenn man sich auf den Web-Bereich spezialisiert hat, kommt noch ein wichtiger Punkt bei der Geduld dazu: Bitte seid geduldig mit Kunden, die keine Ahnung von eurem Fachgebiet haben. Sie werden es euch danken, wenn ihr sie nicht von oben herab behandelt, sondern euch die Zeit nehmt, ihnen bei Unklarheiten etwas ohne Fachchinesisch zu erklären. Außerdem meide ich aus Prinzip Buzzwords. Ich höre schon das Raunen meiner Kollegen… Natürlich könnte ich die ganzen fancy Begriffe verwenden, die ich im Studium und Agenturalltag aufgeschnappt habe. Aber wem bringt das ernsthaft etwas? Ich halte nicht viel davon. Klar, manche Kunden lassen sich davon beeindrucken und machen mehr Geld locker, wenn etwas möglichst kompliziert klingt. Aber auf lange Sicht bin ich besser mit meiner Methode gefahren. Wenn man etwas wichtiges zu sagen hat, sollte man es so verpacken können, dass das Gegenüber alles verstehen kann. Ich habe schon öfter von meinen Kunden gehört, wie dankbar sie dafür sind, dass ich Ihnen alles geduldig und verständlich erkläre. Viel zu häufig wird in meiner Branche lieber versucht, so zu wirken, als würde man mit Magie umgehen, die Normalsterbliche sowieso nicht verstehen. Das finde ich sehr schade und auch ein wenig respektlos den Kunden gegenüber.

Dinge Wiederfinden zu können ist ganz gut

Klingt vielleicht spießig, aber ich will es unbedingt erwähnen, während ich meinen Blick über meinen vollgestellten Schreibtisch kreisen lasse. Es lohnt sich, Ordnung zu halten. Zumindest bei eurer Kommunikation. Mir hat es schon häufig den Arsch gerettet, dass ich meinen E-Mails aus einem willkommenem Tick heraus penibel sortiere und alle aufhebe. Was ich hingegen viel zu schlampig handhabe, sind Telefonnotizen… meine große Schwäche. Das führte vor vielen Jahren zu dem peinlichen Fall, dass ich einen Kostenvoranschlag vergaß, den ich nur telefonisch abgeklärt hatte. Ich berechnete am Ende mehr als als Festpreis vereinbart worden war und laufe immer noch rot an, wenn ich daran denke. Um das zu vermeiden, solltet ihr ganz besonders Preisverhandlungen IMMER schriftlich festhalten. Es gibt Vorlagen für Kostenvoranschläge im Netz. Und wenn ihr merkt, dass ihr am Telefon nicht zuverlässig Notizen machen könnt, schreibt lieber E-Mails. Oder anders herum, wenn ihr keine Lust habt, eure E-Mails alle zu sortieren und aufzuheben. Abgesehen davon könnt ihr so chaotisch sein, wie ihr wollt. Wenn kein Kunde in euer Büro kommt, züchtet ruhig exotische Moosarten in Stapeln alter Pizzakartons. Wenn ihr bei einem spontanen Anruf diese eine Datei finden könnt, die euer Kunde euch vor 5 Jahren geschickt hat, seid ihr trotzdem der Held.

Viele Köche und ein zu kleiner Topf Brei

Eine Sache, die ich in Bezug auf kleine Projekte gelernt habe, ist, dass ein Team zu groß sein kann. Es gibt zum Beispiel sehr nette Marketingmenschen, aber leider musste ich viele Projekte miterleben, in denen sie wegen der geringen Größenordnung schlicht überflüssig waren. Das hat sie nicht daran gehindert, viel zu reden und einen wichtigen Eindruck zu machen. Wer kann es ihnen verübeln, sie machen ja nur ihren Job. Aber neutral betrachtet muss ich leider sagen, das Projekte bis zu einer gewissen Größe mehr Geld verlieren, wenn sie Experten mit an Bord holen, als dass sie davon profitieren. Ein klassisches Beispiel: Es wird von einem SEO-Experten empfohlen, einen Blog einzurichten und Social Media zu nutzen. Das ist allgemein ein guter Tipp, allerdings bringt er nichts, wenn bereits nach wenigen Monaten keine Updates mehr gepostet werden, weil der kleine Handwerksbetrieb keinen extra Mitarbeiter dafür entbehren kann. Traurig aber wahr: 90 % der Blogs, die meinen Kunden von Marketing- oder SEO-Experten empfohlen wurden, sind innerhalb eines Jahres verwaist. Oft hat es dann noch Geld gekostet, sie wieder entfernen zu lassen. Ich könnte mich eigentlich über so etwas freuen, weil ich ja mit dem Ein- und Ausbau Geld verdiene. Aber ich kann nicht anders, als dem zum Fenster herausgeworfenes Budget des Kundens nachzutrauern. Großen Firmen macht das nichts aus, aber nicht jeder steckt das so einfach weg.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Sache mit der Zusammenarbeit von Grafikern und Web-Entwicklern. Ich finde das sehr faszinierend. In Agenturen habe ich meistens erlebt, dass Webseiten von Designern entworfen werden, die selber nicht programmieren können. Erst der finale Entwurf geht dann an die Person, die das ganze umsetzen muss. Diese Arbeitsteilung ist okay, wenn der Designer wenigstens eine grobe Vorstellung davon hat, was wie kompliziert umzusetzen ist. Oder wenn das Budget sehr hoch ist, so dass diese Frage zweitrangig ist. Aber da ich mich ja auf kleinere Kunden spezialisiert habe, sehe ich es kritisch. Agenturen scheinen die Effizienz hinter dem System zu überschätzen, dass eine Person die Website gestaltet und eine andere sie unabhängig davon umsetzt, ohne dass die beiden sich während des Designprozesses austauschen. Schon einige Male habe ich überraschte Reaktionen geerntet, wenn ich meinte, dass ich genauso lange an einer Website sitze, für die ich die Gestaltung direkt mitübernehme, als wenn ich ein bereits existierendes Design „nur noch“ umsetze. Dabei ist der Grund dafür eigentlich logisch: Diejenigen, die die Webseiten gestalten, haben in der Regel keinen Schimmer von HTML und CSS. Sie bauen etwas mit Photoshop zusammen, was schick aussieht, worin sich aber Elemente verstecken, die aufwändiger umzusetzen sind als man denkt. Dann braucht man die Hälfte der Zeit für 90 % der Website und die andere Hälfte für die 10 % fancy Designerträume. Wenn ich die Gestaltung selber übernehme, habe ich dabei bereits den Quellcode im Hinterkopf und umschiffe Elemente, die den Aufwand nicht wert sind. Deshalb kann ich eine Website deutlich schneller und damit kostengünstiger fertig stellen, wenn ich alleine arbeite – oder zumindest mit Designern, die mit mir vor der finalen Freigabe die Entwürfe schon mal durchsprechen.

Es lohnt sich!

So… jetzt fällt mir erst mal nichts mehr für diesen Text ein. Ich mag meinen Job sehr. Glücklicherweise habe ich eine Menge netter Kunden, darf kreativ sein und sehr oft genau das tun, was mir Spaß macht. Die Selbstständigkeit ist ein Privileg, und ich weiß, dass nicht jeder das finanzielle Polster hat, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Ich kann nur von mir sagen, dass ich es bisher nie bereut habe. Das Phantastische daran ist, dass ihr euch selber eure Arbeitszeit und wie ihr arbeiten wollt einteilen könnt. Und zwar nicht nur, ob ihr 2 Stunden länger schlafen wollt. Wenn es zuletzt besser als erwartet lief, könnt ihr weniger Aufträge annehmen, damit ihr ordentlich Zeit für euer Hobby oder einen Urlaub habt. Ihr könntet eine Radtour in den Himalaya machen und dort euren Laptop aufstellen – und hinterher einen Artikel für irgendein Online-Magazin über euer hippes Nomadentum verfassen. Okay, ernsthaft… in der Realität sitzen vielleicht 1% von uns in halbwegs idyllischer Urlaubskulisse. Die Regel sind die heruntergelassenen Rolläden. Aber die Freiheit ist trotzdem größer als in jeder Festanstellung. Das finde ich unglaublich angenehm und möchte es für nichts auf der Welt mehr aufgeben. Und wenn andere über nervige Chefs, Kollegen oder Kunden jammern, weiß ich, dass ich solche Menschen umgehen kann, indem ich einfach keine weiteren Aufträge von oder mit ihnen annehme. Natürlich ist die Unsicherheit nicht für jeden etwas, aber wenn man auch mal spontan mit wenig Geld im Monat auskommen kann (ich habe halt kein Auto, kein Kind und verreise nicht) und sich nebenbei um private Projekte kümmern möchte, kann diese Freiheit das Leben deutlich lebenswerter machen. Ich möchte später nicht bereuen, die Hälfte meiner Zeit in einem Büro abgesessen zu haben, mit einer Arbeit die mich nicht erfüllt oder Menschen, die ich nicht mag. Deswegen ist dieses Leben genau das Richtige für mich.

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