15. 06. 2020

Opa

Am Mittwoch ist mein Opa gestorben. Da er 95 Jahre alt wurde, kam sein Tod nicht völlig überraschend. Aber egal wie sehr man denkt, dass man sich darauf vorbereitet hätte – es tut trotzdem verdammt weh. Dieser Mensch, der dein ganzes Leben lang immer da war, ist auf einmal unwiederbringbar verschwunden. Vormittags habe ich noch überlegt, welche Bücher und Leckereien ich ihm bei einem geplanten Besuch am Freitag mitbringen würde. Er hatte die letzten Tage leider keinen Appetit, aber an diesem Tag aß er morgens gut. Er saß dann in seinem Lieblingssessel, löste eines seiner Lieblingsrätsel und nachmittags auf einmal bekam er schlechter Luft. Meine Mutter setzte sich zu ihm, sie unterhielten sich, und dann schlief er einfach ein. Man könnte sagen, dass es ein Tod ist, wie man ihn sich wünscht, wenn das nicht immer so makaber klingen würde. Er selber hätte es denke ich so gewollt. Seine größte Angst war es, bettlägerig und auf andere angewiesen dahinvegetieren zu müssen. So traurig ich gerade bin, so ist es doch immerhin ein Trost, dass er bis zuletzt relativ fit geblieben ist und es in seinem Sinne zu Ende gegangen ist. Am Montag hat er noch einen Brief von mir bekommen, weil Telefonate wegen seiner Schwerhörigkeit problematisch waren. Dieser Brief hat jetzt sehr an Bedeutung für mich gewonnen. Ich schrieb darin unter anderem, dass ich großartige Großeltern habe. Und so gerne ich ihn noch einmal besucht hätte, so froh bin ich andererseits, dass das das letzte war, was er von mir gehört hat. Denn er war wirklich großartig.

Mein Opa in seiner Bibliothek

Ich hatte immer das Gefühl, dass meinen Opa und mich viel verbindet. Er unterstützte mich und wollte, dass ich mein Leben so führe, wie es mich glücklich macht. Unser letzter gemeinsamer Ausflug war, als er mir noch mit etwa 80 Jahren half, meine Bewerbungsmappe zur Uni zu schleppen. Im Zug nach Frankfurt wollte er wissen, wie mein mp3-Player funktioniert und ich spielte ihm irgendwelchen Metal vor. Ich besuchte mit ihm sein erstes Fast Food Restaurant, und höflich wie er war, wollte er beim Bezahlen Trinkgeld geben. Er wunderte sich, dass das nicht angenommen werden dürfte und dass es kein Besteck gab, aber gegen das Essen hatte er nichts. Ich schätzte sehr an ihm, dass er bis in sein hohes Alter hinein offen für alles blieb, auch wenn er damit eigentlich nichts am Hut hatte. Er war immer neugierig darauf, was ich mit meinem Smartphone anstellen konnte, obwohl er sich selber zu alt fühlte, um das noch zu lernen. Er liebte extra kniffelige Rätsel und rief mich hin und wieder an, um etwas bei Wikipedia nachzuschlagen. Manchmal hatte er auch einfach nur irgendeinen Gedanken, den er mit meiner Hilfe zu Ende spinnen wollte. Zum Beispiel, wenn er aus dem Gedächtnis aufschreiben wollte, wie irgendein Königshaus aufgebaut war. Er wollte sen Gedächtnis trainieren und Geschichte fand er spannend. Er hatte außerdem einen feinen Sinn für Humor, und trotzdem war er sich nicht zu schade, bis Mitternacht aufzubleiben, um sich South Park anzusehen, als er mitbekommen hatte, dass ich die Serie mochte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihm zu vulgär war… er aber formulierte seine Kritik sehr freundlich. Überhaupt war er niemand, der auf Konfrontation aus war, was wir beide gemeinsam haben. Ich bin niemals von meinen Großeltern geschimpft worden. Und selbst wenn wir nicht einer Meinung waren, konnten wir miteinander reden, und er respektierte meine Argumente. Als meine Familie erfuhr, dass ich heiraten würde, meinte er wohlwissend um meine Abneigung gegenüber Kleidern, dass man heutzutage ja auch im Hosenanzug heiraten könnte.

Er war wie einer dieser lieben, alten Professoren in Filmen… immer ordentlich gekleidet, aber immer ein altes Buch und vergilbte Notizzettel dabei. Literatur und Kunst waren die größte Leidenschaft meines Opas. Noch zuletzt hatte er dieses besondere Leuchten in den Augen, wenn er über seine Lieblingsautoren sprach. Er las sehr viel und schrieb selber Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. Meistens nur für sich, aber früher hat er außerdem noch selber Theater gespielt. Das war allerdings vor meiner Zeit. Ich bekam nur noch mit, wie sehr er sich freute, als eines seiner Stücke vor einigen Jahren noch einmal von einem Theaterverein aufgeführt wurde. Deswegen habe ich vor, seine Texte zu sortieren und einige davon online zu stellen. Er war bescheiden und sparsam wenn es um ihn selber ging, aber anderen gegenüber hilfsbereit und großzügig. Bevor ich ihn als meinen Opa kannte, war er Lehrer, und aus Erzählungen weiß ich, dass er vielen seiner Schüler nach der Schule noch geholfen hat. Vor allem solchen aus sozial schwachen Familien. Mit einigen tauschte er noch Jahrzehnte später Gedichte aus. Er kaufte außerdem Kunstdrucke von jungen Malern, und da er die gar nicht alle aufhängen konnte, woller er sie wohl vor allem damit unterstützen. Es hat ihn garantiert gefreut, dass ich einen Schriftsteller geheiratet habe. Und dass ich als Kind so gerne gelesen und gemalt habe. Von ihm habe ich opluente Bildbände berühmer klassischer und moderner Künstler geschenkt bekommen, Was-ist-Was Bücher, Tolkien und Jules Verne. Er hat meine niedlichen Zeichnungen und hässlichen Töpferarbeiten aufgehoben und in seiner Bibliothek hing ein riesiges Goethe-Portrait, das ich einmal für eine Schulaufführung gemalt hatte. Er liebte Goethe. Ein Zitat von Goethe wird es auch sein, das seine Todesanzeige ergänzen wird. Er hat sich keine kirchliche Beerdigung gewünscht, sondern ich suche aus seinen eigenen Texten einige Zitate für eine freie Trauerrede aus.

Ich weiß, dass ich nur einen kleinen Teil des langen Lebens kenne, das er gelebt hat. Davor waren seine Kindheit, der Krieg, das Theater, die Zeit als Lehrer. Für mich war er nur mein Opa. Aber darin war er sehr gut. Und ich werde ihn unheimlich vermissen.

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