19. 03. 2019

Fahrprobleme

Diesen Text ließ ich mehrere Monate halb fertig in meinem Blog vor sich hin stauben, weil ich mir beim Schreiben dachte, dass das zu selbstmitleidig wird und niemanden interessiert. Aber ähnliche Probleme sind gar nicht so selten, wenn auch meistens nicht so ausgeprägt. Vielleicht erkennt sich jemand wieder. Und da ich hier neben Spielen und Filmen auch über mein Leben schreibe, gehört das Thema eigentlich dazu, denn es beeinflusst mein Leben sehr. Also… warum nicht.

Die meiste Zeit denke ich mir, dass ich ziemliches Glück mit meiner Gesundheit habe. Aber dann fällt mir ein, dass ich seit vielen Jahren nicht weiter als 15 km von meiner Wohnung weg war. Weil ich nicht fahren kann. Gerade heute habe ich erfahren, dass ein Musical, das ich unbedingt sehen wollte, im November in Köln aufgeführt wird. Köln… was Dank Autobahn, ICE oder Flugzeug für viele Frankfurter ein Katzensprung ist, ist für mich unerreichbar. Tschö Traum vom Musical, das war’s dann wohl mit uns.

Ich habe merkwürdigerweise schon von mehr Menschen gehört, die meine (inzwischen deutlich besser gewordene) Phobie vor Schmetterlingen teilen, als meine extreme Reiseübelkeit, bzw. Motion Sickness. Deshalb stoße ich damit meistens auf Unverständnis. „Reiseübelkeit“ ist sogar eigentlich das falsche Wort, denn dann kommen direkt die Kotztüten-Witze. Mein Magen spielt bei der ganzen Geschichte aber keine große Rolle, der ist ziemlich robust. Es schlagen auch keine der üblichen Medikamente gegen Reiseübelkeit an, selbst die nicht, die mir als Kind noch auf Urlaubsfahrten geholfen haben. Der Ablauf ist immer der selbe: Mir wird nach wenigen Minuten Fahrt schwindlig, ich fühle mich furchtbar elend, mein Kreislauf spielt verrückt, ich fange an zu schwitzen, zu zittern und wenn ich dann nicht schnell festen Boden unter die Füße bekomme, wird mir schwarz vor Augen und ich kippe einfach um. Stichwort Köln… mein letzter Besuch in Köln endete mit Schienenersatzverkehr und einer Ohnmacht im Bus nach 10 Minuten Fahrt. Ich fand mich unter einem Baum wieder, während der Fahrer den Notarzt rief, andere Fahrgäste mich wütend anstarrten und sich darüber beschwerten, warum man nicht weiterfahren könne, sie hätten doch keine Zeit. Seitdem bin ich in keinen Bus und keinen Fernzug mehr gestiegen. Die Situation war auf mehreren Ebenen viel zu unangenehm, um sie wiederholen zu wollen. Oft habe ich seitdem schon gehört: „Fahr doch einfach mit und halte das aus!“. Das würde ich natürlich gerne. Einfach die Zähne zusammenbeißen und durch, den eigenen Körper ignorieren. Aber es funktioniert nicht. Spätestens seit ich umgekippt bin, weiß ich, dass ich nur ein Hindernis für andere bin, wenn ich versuche, irgendwo mitzufahren.

Langsame Züge wie die Frankfurter U-Bahn gehen besser als schnelle, auch weil sie regelmäßig anhält und nicht zu weich gefedert ist. Die Federung scheint ziemlich entscheidend zu sein, denn je mehr es schwankt, desto schneller wird mir schlecht. Deshalb zog ich, als es noch nicht ganz so schlimm war, Sportwagen einer bequemen Limousine vor. Inzwischen steige ich in gar kein Auto mehr. Ich laufe selbst nachts lieber 7 Kilometer zu Fuß durch dunkle Wälder als ein Taxi zu rufen. Und ich traue mich in keine Züge mehr, die schneller als S-Bahnen fahren und nicht regelmäßig anhalten. Selbst in S-Bahnen muss ich normalerweise alle 15 Minuten aussteigen, eine Pause einlegen, und nehme dann den nächsten Zug, um weiterzufahren. Und am Ziel angekommen bin ich ziemlich fertig. Ich versuche mir das dann nicht anmerken zu lassen, aber ich habe z.B. oft über Stunden keinen Appetit, wenn ich irgendwo zu Besuch bin, und mir ist schwindlig. Meine Mutter backt meinen Lieblingskuchen, und ich stochere nur darin herum, weil ich keinen Bissen herunterkriege. Dann fangen die immer gleichen Diskussionen mit der Familie an: Ja, ob ich denn nicht mal vor hätte, endlich etwas dagegen zu unternehmen… das könne doch so nicht weitergehen… da muss es doch etwas geben… man könnte doch mal XYZ versuchen… da wurde neulich eine Reportage im Fernsehen gezeigt… ob ich es mir vielleicht nur selber einrede… ob ich denn zu viel oder zu wenig gefrühstückt hätte…

Zweifelsohne meint meine Familie es nur gut, aber ich habe inzwischen schon Angst vor diesen Gesprächen, wenn ich eine Bahn später als geplant bei ihnen ankomme. Wenn gut gemeinte Ratschläge über Jahre wiederholt werden, kommen sie irgendwann nur noch als Unterstellung an, dass man sich nicht genug bemüht. Ich will gar nicht wissen, wie es erst Leuten gehen muss, die mit psychischen Krankheiten nicht ernst genommen werden, denn dabei verstehen Außenstehende das Problem ja wahrscheinlich noch weniger. Ich war bereits vor Jahren bei mehreren Ärzten und weiß ziemlich sicher, woran es bei mir liegt: Mein Gleichgewichtssinn spinnt in bestimmten Situationen. Das äußerst sich als Lagerungsschwindel, wenn ich z.B. flach auf dem Rücken liege und an die Decke starre, bei Videospielen aus der Egoperspektive und eben beim Fahren. Wahrscheinlich kann ich von Glück reden, dass es nur in diesen Fällen auftritt. So kann ich mich zumindest darauf einstellen.

Ich weiß sogar, wie ich sehr wahrscheinlich dafür sorgen könnte, dass es besser wird: Durch Übung. Man kann die Situation bewusst herbeiführen und den Gleichgewichtssinn trainieren. Von all den Methoden, die ich schon versucht habe, war das die einzige, die gefruchtet hat. Während meines Studiums und Praktikums vor über 10 Jahren ging es mir besser, weil ich der Jahreskarte sei Dank täglich Bahn gefahren bin. Mein Körper gewöhnt sich dann daran. Nur leider hilft diese Erkenntnis wenig in der Praxis, weil man Bahnfahren nicht vom Arzt verordnet bekommen kann und ich mir kein teures Jahresticket nur dafür zulegen kann. Mal von der Zeit abgesehen, denn ich müsste ja Fernzüge trainieren. Ich muss für meine Arbeit momentan überhaupt nicht fahren, weil ich mein Büro zuhause habe. Außerdem weiß ich aus Erfahrung, dass es einen Rückfall geben würde, sobald ich wieder mit der regelmäßigen Fahrerei aufhöre. Also nicht gerade eine effiziente Therapie. Letztes Jahr war ich bei einem Spezialisten für Schwindel, um zu erfahren, ob es nicht doch noch andere Ansätze in der Behandlung von Motion Sickness gibt. Nein, angeblich gibt es gar nichts. Also… natürlich könnte ich jetzt noch anfangen, Zuckerkügelchen zu schlucken. Aber bei mir hilft nicht einmal der Placeboeffekt.

Ach je, jetzt ist es doch ein Jammer-Post geworden, Verzeihung. Das Gute ist: Im Alltag denke ich an das alles nur selten, weil ich mich mit meiner Situation ziemlich gut abgefunden habe. Mir geht es schließlich gut, solange ich nicht fahren muss, und ich kann machen, wonach mir ist. Solange es eben hier ist. Man kann sich an erstaunlich viel anpassen. Ich schmiede schon lange keine Urlaubspläne mehr, weil es sowieso nichts bringt. Man beginnt irgendwann einfach nicht mehr an das zu denken, was mit längeren Fahrten verbunden ist, und nicht mehr neidisch auf Postkarten zu reagieren oder vom Meer zu träumen. Als Kind habe ich das Meer geliebt und war gerne in den Bergen, aber jetzt müssen halt Fotos reichen. Wenn es darum geht, sich mit weit entfernt wohnenden Freunden zu treffen, kommen sie hier her. Dafür bin ich ihnen unheimlich dankbar, aber ich habe auch gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil ich sie niemals besuchen komme. Und dann passiert so etwas wie das Musical, das in Köln aufgeführt wird, und das ich eigentlich unheimlich gerne sehen wollte. Verdammt. Auch als unser Hund in die Tierklinik musste, konnte ich nicht mitfahren, sondern musste alleine zuhause bleiben und dort nervös herumtigern. Das sind dann die Momente, die mich traurig machen, weil mir doch wieder bewusst wird, dass ich ein Problem habe. Eines, das ich zwar die meiste Zeit ignorieren kann, das einen aber eben doch gewaltig einschränkt. Wer lebt im Jahr 2019 schon noch so, als gäbe es keine Autos und keinen Fernverkehr? Das ist ein merkwürdiges Gefühl, gerade wenn man wie ich ständig über das Internet mit Leuten kommuniziert, die weit entfernt wohnen. Die Welt ist riesig und spannend, aber ich kriege das meiste nur aus zweiter Hand mit. Das ist vielleicht das bedrückendste an der Motion Sickness.

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